Zukunftsmail

Rubrik:  Erhascht  ·  Autor:  Zappelfillip26. Oktober 2005, 14:10 Uhr

Es ist Mittwoch, der erste Juli im Jahre 2031. Wenige Tage zuvor hatten wir im südlichen Deutschland rund um Neu München einen der schlimmsten Wirbelstürme seit auch wir zum gefährdeten Gebiet gehören. Ich erinnere mich noch, dass das Jahr 2005 als Beginn des „Sturmzeitalters“ galt. Damals begann alles in der Karibik damit, dass unverhältnismäßig viele Wirbelstürme innerhalb eines Jahres auftraten. Nur 5 Jahre später traf es dann auch Europa. Die Bevölkerung wurde ziemlich überrascht und es gab in den folgenden Jahren viele Tote und hohe Sachschäden zu beklagen. Danach konnte man die auftretenden Schäden aber durch massive Betonbauten und Schutzbunker kontinuierlich eindämmen. Heute sind die manchmal mehrere Wochen andauernden Stürme fast schon zum Alltag geworden. Im Gegensatz zu früheren Zeiten bewegen sie sich kaum noch von der Stelle. Dank moderner Gegenwirbeltechnik ist man aber zumindest in der Lage, sie in ihrer Stärke etwas abzuschwächen. Daher ist es mittlerweile nur noch in seltenen Fällen notwendig, ausschließlich die unterirdischen Verkehrsmittel zu benutzen. Etwa um 2015 hatte man sich aufgrund der Häufung und der Stärke der Wirbelstürme entschlossen, das ganze Leben während der Sturmsaison unter die Erde zu verlegen. So entstanden unterirdische Einkaufszentren, Krankenhäuser, ein dichtes Straßennetz mit ausgeklügelter Belüftung und überhaupt alles was im Leben wichtig war, konnte man unter der Erde erledigen. Dank der Gegenwirbeltechnik ist man heute aber wieder viel freier.

»Woran denkst du?« Tim zupft aufgeregt an meinem Hosenbein. Ich schaue ihn an und freue mich, dass er da ist. Tim ist mein Enkel. Er hat heute Geburtstag. Seit mein Sohn und seine Frau aus beruflichen Gründen nach Vietnam zogen, sind er und seine Eltern sehr selten bei uns. Das ist nun 2 Jahre her und ich muss eingestehen, dass die Hologrammtechnik in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. So können wir uns zumindest häufig sehen, wenn auch nur virtuell. Aber es vereinfacht das Kontakthalten schon sehr.

Tim wird heute 5 und ich erinnere mich als wäre es heute: Der schönste Tag in meinem Leben als Tim an meinem 50. Geburtstag das Licht der Welt erblickte. Es ist eines dieser Wunder, die man sich nicht so recht erklären kann. Bereits ich wurde 1976 zufällig an dem Tag als meine Großmutter 42 Jahre alt wurde, geboren. Und 50 Jahre später ein ähnliches Schicksal. Unerklärlich! Vielleicht liegt es in den Genen? Die Ärzte können es nicht erklären und so ist es möglicherweise doch Zufall.

Die Sonne scheint mir durch das dicke Panzerglas der Fenster ins Gesicht und ich verspüre eine angenehme Wärme. Ich schaue an dem großen altmodischen Eichentisch entlang, der zu einer Tafel auseinandergezogen ist. Um mich herum sitzen alle meine Verwandten und schauen erwartungsvoll auf den üppig gedeckten Tisch mit allerlei verschiedenen Kuchen und Torten. Alle warten auf mein Startzeichen.

»Entschuldige Timi! Ich war nur ein wenig in Gedanken. Es ist so schönes Wetter heute«, sage ich zu meinem kleinen Liebling. Er rennt hektisch zu seinem Platz, erklimmt ein wenig unbeholfen den Stuhl und schaut mich mit leicht schnippischem Blick genauso erwartungsvoll an wie alle anderen Anwesenden.
»Also ich freue mich, dass ihr euch heute alle die Zeit genommen habt, mit Tim und mir zusammen Geburtstag zu feiern. Nun haben wir beide nur noch 5en in der Geburtstagszahl, stimmt’s Timi?«, er nickt lachend. Manchmal denke ich, er sieht mir doch ein bisschen ähnlich. »Nun wollen wir aber mit dem Feiern beginnen und daher eröffne ich hiermit das Kaffeebuffett. Ich nehme Erdbeertorte! Die ist noch nach dem Rezept meiner Oma.«
Erleichtertes Raunen ist zu vernehmen und meine Eröffnung wird sofort in die Tat umgesetzt. Stühle rücken und ich kann gar nicht schnell genug aufstehen, schon ist das Buffett umringt von Menschen – Timi natürlich vorneweg. Ich entschließe mich, noch einen Moment zu warten, bis der erste Andrang vorüber ist und ich wieder freie Sicht auf den Kuchen habe.

›Dong!‹, ein angenehm leiser und tiefer Glockenton tönt mir ins rechte Ohr: Eine eine Email. Früher wäre ich in diesem Moment aufgestanden, hätte meinen Computer angeworfen, um dann einige Minuten zu warten bis das Betriebssystem geladen und die Verbindung zum Internet hergestellt ist. Dank Push2Eye ist dies heute alles nicht mehr notwendig. Ich habe mir vor 2 Jahren ein kleines Implantat hinter das rechte Auge direkt an den Sehnerv pflanzen lassen. Seitdem habe ich meinen Internetzugang ständig bei mir.

Ich blinzle zweimal kurz hintereinander mit dem rechten Auge. Da ich im selben Moment auch Zeige- und Ringfinger der rechten Hand überkreuze, erkennt der Minicomputer in meinem Auge, dass ich meine neu empfangenen Emails anschauen möchte. Ein kurzes buntes Flackern und schon überlagert das Implantat den realen Seheindruck mit einem computergenerierten Bild, welches meine Emails anzeigt. Nun muss ich nur noch das rechte Auge schließen, um ausschließlich das Computerbild zu sehen. Die Technik ist super. Man kann sie mit geschlossenen Augen einerseits nutzen wie einen normalen Computer, den man von früher kennt. Andererseits kann ich mit geöffneten Augen zusätzliche Informationen in mein Sichtfeld einblenden lassen, beispielsweise Navigationshinweise oder Infos zu einer Sehenswürdigkeit, welche ich momentan betrachte.

In meinem Postfach finde ich folgende Email:

Na mein Freund,

herzlichen Glückwunsch zum 55. Geburtstag. Hast es also geschafft, fast doppelt so alt zu werden wie ich gerade bin – noch 3 Jahre.
Wie geht’s dir sonst? Mittlerweile noch Vater geworden? Im Vergleich zu allen anderen aus deiner alten Schulklasse lässt du dir ja ganz schön viel Zeit. Hoffe, du hast noch einen coolen Job gefunden und vor allem lang genug behalten. Kopf hoch – die Rente rückt immer näher. Ich sitze ja gerade als Praktikant bei BMW in München, da es nach dem Studium nicht sofort mit einer Arbeitsstelle geklappt hat. Kann ja fast nur besser werden. Aber du weißt da natürlich mehr.

Ich hoffe, Väterchen geht es auch noch gut. Er wird ja dieses Jahr 79 Jahre. Aber bei seiner Fitness wird er sich sicherlich noch gut gehalten haben.

Naja ich hoffe, es geht dir wirklich gut, du hast dein Leben gut im Griff (nicht dass es 2005 schlecht gewesen wäre) und hast auch sonst noch viel Spaß.

Und wehe, du hast das Rauchen oder Trinken angefangen. Dann tritt dich mal schön selbst in den Hintern! ;-)

Also alles Gute und Gruß
Tom

PS: Konntest du dir deinen Traum vom unvernünftigen Sportwagen noch erfüllen oder fahrt ihr jetzt nur noch kleine Elektroautos?

Verdutzt schaue ich auf das Absendedatum der Email. Dort steht 26.10.2005. »Hihi«, jetzt erinnere ich mich. Diese Email habe ich mir 2005 voller Begeisterung selbst in die Zukunft, genauer an den heutigen Tag, geschickt, als ich diesen Dienst im Internet fand. Mit zweimaligen Blinzeln und einer festgelegten Fingerstellung schalte ich Push2Eye wieder ab und genieße meinen 55. Geburtstag – und den 5. von Timi…

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5 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Kommentar: WeisswurstUni am 26.10.2005, 16:20 Uhr

    Besser als dieser Dienst ist deine Geschichte! Junge, du hast Talent! Ich hatte viel Freude beim Lesen und hoffe, dass demnächts noch einiges mehr folgen wird :!: :!: :!:

  2. Kommentar: Flash am 26.10.2005, 17:50 Uhr

    War das jetzt ein versteckter Hinweis, dass du am 1.7. nächstes Jahr reihenweise Glückwünsche zum 30. haben willst?
    Das mit den gemeinsamen Geburtstagen habe ich noch besser hinbekommen. Geboren wurde ich am Geburtstag meines Vaters. Und meine Schwester hat an just dem Tag heiratet (nach meiner Geburt)

  3. Kommentar: Kyu am 8.11.2005, 00:08 Uhr

    Davon hätte ich gern noch mehr gelesen. War sehr interessant!

  4. Kommentar: Zappelfillip am 8.11.2005, 08:37 Uhr

    Erstaunlich, dass die Geschichte doch so gut ankam, dabei war sie nur ausschmückendes Beiwerk für die Vorstellung des Links. Und ich mag überhaupt kein Science Fiction, kein „Star Wars“, „Star Trek“, „Star Search“ und wie die noch alle heißen. ;)

  5. Pingback: First contact – Der erste Kontakt « Zappelfillip plaudert… am 29.11.2007, 21:52 Uhr

    […] erkennen kann) meinem eigenen eigentlich zu sehr. Dann dachte ich, es handelte sich vielleicht um diesen Dienst im Internet, den ich damals ausprobieren wollte. Dem widerspricht allerdings, dass als Mailadresse meine […]

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