Mein visuelles Empfinden

Rubrik:  Angemerkt  ·  Autor:  Zappelfillip16. November 2005, 08:11 Uhr

Ich bin ein sehr sinnlicher Mensch… Bäh – wenn ich als Blogbesucher diesen abgelutschten Satz lesen würde, müsste ich mich bestimmt übergeben und würde nie wieder einen Schritt auf diese Seite tun. Daher an dieser Stelle der Hinweis, Euch nicht gleich angewidert abzuwenden, sondern doch noch ein paar Sätze weiterzulesen. Ich stehe zwar zu dieser Aussage, meine sie aber doch ganz anders, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Vielleicht sollte ich statt „sinnlich“ eher multimedial oder multisensorisch schreiben. Dann passt es wahrscheinlich eher.

Man hört ja manchmal von Menschen, deren Sinne sehr stark miteinander verknüpft sind. Sie nehmen z. B. beim Hören von Musik Farben wahr oder empfinden einen bestimmten Geschmack auf der Zunge. Keine Ahnung, wie man diese Kameraden nennt, aber es gibt sie wohl. Bei mir ist es in gewisser Weise ähnlich. Vielleicht nicht in diesem extremen Ausmaß aber doch ein wenig. Es sind nicht zwangsläufig Farben oder dergleichen, aber mein „Bewusstsein“, meine Erinnerung, meine Wahrnehmung sind dennoch irgendwie stark visuell orientiert. Natürlich kenne ich es nicht anders und wusste bis vor kurzem auch nicht, dass dies offensichtlich gar nicht so normal und nicht jeder Mensch so „gestrickt“ ist. Erst im Gespräch mit anderen fiel es mir dann auf. Es gibt sehr viele Worte oder Situationen, sobald diese auftauchen, habe ich ein bestimmtes Bild im Kopf.

Ein Beispiel: Das Jahr! Wenn irgendetwas im Zusammenhang mit Zeit vorkommt, mit Jahren oder Monaten, so habe ich sofort eine Art breites Oval vor einem schwarzen Hintergrund vor Augen, auf dem sich alle Monate befinden. Nicht alle Monate sind gleich groß. April beispielsweise ist viel kleiner als August, Juni und Juli wiederum überlappen sich teilweise. Ich selbst befinde mich gewissermaßen 3-dimensional über bzw. schräg über dem Oval und schaue auf die einzelnen Monate herunter. Leider lässt sich das hier überhaupt nicht anschaulich beschreiben. Ich müsste es eigentlich in einem 3D-Grafikprogramm visualisieren, denn wo und wie ich auf dieses „Jahresoval“ schaue, ist abhängig von dem betreffenden Monat. Auch sehe ich die Positionen der einzelnen Tage. Zum größten Teil befinde ich mich innerhalb des Rings in einiger Höhe. Lediglich wenn ich an die letzten Dezembertage (ab Weihnachten) bis etwa Ende März/Mitte April denke befinde ich selbst mich über Januar etwas außerhalb des Ringes. Am nahesten zum tatsächlichen Datum bin ich etwa Ende Januar und Ende Juli/Anfang August. Versteht man das als Außenstehender? Ich habe auch teilweise verschiedene Positionen für den Blick auf ein Datum. Ein wenig hängt sie davon ab, welches Datum aktuell ist. Also momentan sehe ich Weihnachten etwa aus einer Position Anfang November. Ab nach Weihnachten werde ich mich aber bei einem Blick auf Weihnachten bereits schon über Januar befinden.

Ebenfalls befinden sich auf diesem Oval alle wichtigen Daten, die ich mir merken muss. Geburtstage meiner Familie oder enger Freunde beispielsweise sind als Markierungen auf dem Oval zu sehen. Sie sind also nicht ausschließlich als Zahlen in meinem Gedächtnis abgelegt, sondern eben als Position auf dem Oval. Ich muss dieses Bild auch nie bewusst abrufen, es ist einfach da, sobald etwas einen zeitlichen Bezug hat. Gerade das mit den Geburtstagen hat den Vorteil, dass ich die wichtigen nicht vergessen kann. Schon lange vorher dem Termin werde ich gewarnt, weil die Markierung näher kommt. Auch sonstige Terminplanung findet immer über das Oval statt – naja eben alles was mit dem Wort Jahr zu tun hat. Und irgendwie brauche ich für mein Zeitgefühl auch dieses visuelle Bild. Wie gesagt, ich sehe nie nur einen Ausschnitt des Ovals sondern immer als Ganzes – lediglich der Blickwinkel ändert sich abhängig vom Monat. Auch die zeitliche Navigation, also z. B. meine bewusste Erinnerung an Zurückliegendes erfolgt über dieses Oval, indem ich es rückwärts überstreife. Dabei „überfliege“ ich auch die vergangenen Termine und Daten. Das heißt aber nicht, dass ich mir alle zeitlichen Daten meines vergangenen Lebens merke, aber wichtige Stationen sind eben auf den Jahresovalen „eingebrannt“. Änderungen und das zeitliche Bewegen finden natürlich in Sekundenschnelle statt – leider nicht in Echtzeit.

Das ist z. B. auch der Grund, warum ich in gewisser Weise eine links-rechts-Schwäche habe. Es ist so, dass ich natürlich weiß, welche Seite rechts und welche links ist. Um diese Unterscheidung treffen zu können, habe ich allerdings auch ein abstraktes Bild im Kopf. Dieses braucht aber eine Weile bis es „aufgebaut“ ist. Werde ich also aufgefordert, sofort in eine gewisse Richtung zu weisen, so liege ich in den allermeisten Fällen daneben. Es ist sogar auffällig, dass ich in einer solchen Situation fast immer genau falsch liege. Es scheint also so, wenn ich „mein Bild“ aufgrund mangelnder Zeit nicht zu Hilfe ziehen kann, dass ich dann grundsätzlich die falsche Antwort gebe. Nun könnte man als Außenstehender natürlich sagen> »Dann merk‘ dir doch mal, dass es genau die andere Seite ist«. Ich bin aber in dem Moment fest davon überzeugt, dass es richtig ist. Außerdem gibt es ja Momente, in denen man nicht die Zeit hat noch zu überlegen, dass man genau die andere Seite sagen sollte. Daher kann man sich speziell beim Autofahren darauf verlassen, wenn ich rechts sage, dass dann eigentlich links richtig ist. Sobald ich jedoch minimal Zeit für die Antwort habe, ist das alles kein Problem.

Merkwürdige Dinger erlebe ich manchmal auch was meinen Hörsinn oder das Riechen angeht. Sicher ist bei allen Menschen Musik mit Emotionen verbunden, bei mir ist dies aber sehr tief und stark. Lieder oder ganz allgemein Musik ist extrem an meine persönliche Stimmung und die Umstände dieser Zeit gekoppelt und auch sehr scharf abgrenzbar. Unabhängig davon, ob ich einen Song sehr oft höre oder ein Jahrzehnt lang nicht, sobald ich ihn höre, falle ich in die gleich emotionale Stimmung der ursprünglichen Zeit. Ich fühle und empfinde wie damals. Da sind ziemliche Stimmungsumschwünge möglich. Auch erinnere ich mich an eigentlich längst vergessen gedachte Dinge. Ähnliches bewirkt auch mein Geruchssinn. Es ist schon vorgekommen, dass ich einen mir scheinbar völlig unbekannten Geruch wahrgenommen habe und doch schlagartig eine Art „Erinnerungsflash“ erlebte. Es war der Duft irgendeines Babybreies und plötzlich habe ich mich an meine eigene Kindheit erinnert – genauer an die Zeit, als mein Bruder ein Baby und im Fütteralter war. Damals war ich knapp über 2, maximal 3 Jahre alt. Ob es tatsächlich reale Erinnerungen sind, kann ich nicht sagen, aber ich empfinde sie als solche.

Schade – ich merke, dass ich mit Worten, und diese auch noch geschrieben, extrem an die Grenzen stoße, da dies alles einfach nicht wirklich erklärbar ist. Aber ich wüsste irgendwie schon gerne, ob es auch anderen so geht wie mir oder ich da wirklich die Ausnahme bin…

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