Lieber Opi

Rubrik:  in eigener Sache  ·  Autor:  Zappelfillip31. Januar 2006, 21:01 Uhr

Lieber Opi,

nun ist es bald soweit: dein 75. Geburtstag steht vor der Tür. Bis zum 12. März sind es nur noch ein paar Tage und ich denke, es ist an der Zeit, Dir für viele schöne Kindheitserlebnisse, die du uns – Brüderchen und mir – geschenkt hast, zu danken. Oma und Du, ihr wart immer sehr starke Bezugspartner für uns, was sicherlich auch damit zu tun hatte, dass wir quasi ohne „richtige“ Mutter aufgewachsen sind. Mein Gott, wie viele Wochenenden haben wir bei Euch in Jena verbracht, sind als kleine Piepel schon allein mit dem Zug die 40 km von Rudolstadt gefahren und jedes dieser Wochenende war ein kleines Highlight. Jedes Wochenende war so vertraut und doch gab es immer wieder etwas Neues. Ihr habt uns beschäftigt, mit uns gespielt, Abenteuer erlebt, habt uns die Natur mit allen Facetten näher gebracht oder einfach nur abends mit uns zusammen die große Samstagabend Show im Westfernsehen angeschaut. Brüderchen und ich durften uns in die gemütlichen großen Sessel setzen, direkt in die erste Reihe vor den Fernseher. Das war fast wie im Kino. Dann bekamen wir eine Schüssel voller Erdnussflips zum Knabbern vorgereicht. Überhaupt waren Erdnussflips typisches Naschen bei Euch. Und wenn das Schüsselchen leer waren, brauchten wir es einfach nur nach hinten zu reichen und bekamen es mit viel Liebe und neuen Erdnussflips gefüllt wieder zurück. Und Nougatpralinen gab es immer. Nougatpralinen sind nämlich deine Lieblingssüßigkeiten. Ich glaube, daran gab es nie einen Mangel.

Und dann gab es da noch die Wohnzimmertür. Einmal im Jahr wurden wir an diese gestellt und mit einem Bleistift angezeichnet, wie viel wir in den vergangenen 12 Monaten gewachsen sind. So konnten wir bis zu Eurem Umzug sehen, wie wir Jahr für Jahr größer geworden sind. Schlafen durften wir in Eurem Ehebett und ihr habt auf irgendwelchen provisorischen Schlafstätten übernachtet. Und das nur, damit wir auch am Wochenende gut schlafen konnten. Sonntags wurde dann zur Mittagszeit die Presseschau im Fernsehen geschaut. Verstanden haben wir von dem was da geredet wurde nichts, aber es gehörte auch für uns zu einem Sonntag einfach dazu!

Wir nannten dich „den Zeiger“ (»Opa ist der Zeiger«), denn nicht der kleinste Berg am Horizont oder das kleine Türmchen darauf war davor gefeit, uns von dir mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger gezeigt zu werden. Waren wir zusammen in einem Museum oder auf einer alten Ritterburg, hast du uns alles immer sehr genau erklärt. Überhaupt bist du mit großem Abstand der schlaueste Mensch den ich kenne. Deine Allgemeinbildung ist einfach legendär. Es gibt kein Gebiet der Wissenschaft, Kunst oder Sonstiges, für das du Dich nicht interessiert hättest. Hunderte Schnitzereien, Porzellanfiguren oder geschmiedete Kunstwerke habe ich heute noch vor Augen. Und Millionen von Büchern… Wäre ich jemals bei „Wer wird Millionär“ eingeladen, hätte ich als Telefonjoker ausgesucht. Ich glaube, es hätte dann nicht viel schief gehen können. Die Million hätten wir gehabt und dann auch geteilt, ge Opa! ;)

Ich weiß, dass wir drei – Väterchen, Brüderchen und ich – immer Euer ganzen Leben waren. Alles habt ihr für uns getan und sicher auch vieles aufgegeben oder in bestimmten Sachen zurückgesteckt. Während meines Studiums habt ihr mich in einem kaum wiederzugebenden Maße unterstützt. Jeden Sonntagabend, auf dem Weg zur Uni, habe ich eine Kiste voller Fressalien und frisch gewaschene Wäsche in Empfang genommen, um diese freitags dann wieder zum Waschen abzugeben. Und dann natürlich die lange Zeit, zu der ich von niemandem außer Euch finanziell unterstützt wurde. Von Eurer kleinen Rente habt ihr mir regelmäßig jeden Monat einen großen Batzen abgeknapst. Ich solle ja nicht hungern, habt Ihr gesagt. Hab’ ich auch nicht. Du hast Dir immer gewünscht, dass ich mein Studium mal erfolgreich abschließen würde, so wie es Dir nicht möglich war. Und mit dem Job sollte es klappen. Du hast Dir immer mehr Sorgen um meine Zukunft gemacht, als ich es jemals tat. Es war dein allergrößter Wunsch, uns alle versorgt und gesichert zu sehen. In sehr vielen Dingen hast du Deine Familie unterstützt. Du warst immer der Organisator, der zumindest versucht hat, sich um alle wichtigen Dinge zu kümmern.

Über Deine zweifelsohne vorhandenen kleinen und großen Macken möchte ich kein Wort mehr verlieren. Deine Genauigkeit und übermäßige Gründlichkeit hat uns auch manches Mal ein wenig genervt. Aber wir wissen, in welch bitterer Armut du aufwachsen musstest. Und daher sei all das gern vergessen. Dich aber werden wir ganz sicher nicht vergessen! Heute auf den Tag genau vor 3 Jahren hast du uns leider nach 2-jähriger, zuletzt sehr schwerer Krankheit verlassen. Wir wissen alle, dass es das Beste war, aber es war trotzdem ziemlich plötzlich und ganz besonders Oma fehlst Du doch. Sie weint leider immer noch sehr viel. Aber ihr wart ja auch weit über ein halbes Jahrhundert ein Musterbeispiel für eine funktionierende Ehe. Und nicht nur so nebenher sondern miteinander. Nun werden wir sie aber bald zu uns nach Rudolstadt holen. Dann wird es auch für sie einfacher, dich auf dem Friedhof zu besuchen. Ich habe aber auch noch ein paar schöne Nachrichten: Miterleben konntest Du es ja leider nicht mehr, aber mein Studium konnte ich, dank einer sehr guten Diplomarbeit, doch noch ganz passabel beenden. Und eine Stelle habe ich nun auch. Du brauchst Dir also erstmal keine Sorgen mehr um meine Zukunft zu machen. ;) Oma, selbst immer der Atheist in Person, ist ja nun der festen Überzeugung, Du schaust noch von oben zu. Vielleicht ist es wirklich so. Dann siehst du ja, dass es uns dreien eigentlich soweit ganz gut geht. Sie hat Dich ja heute auch wieder mal besucht – immer bemüht, dir besonders schöne Pflänzchen mitzubringen.

Also lieber Opa, hab’ Dank für alles. Wir vermissen Dich! ♥

Für meinen Opa Horst Köhler (*12. März 1931 in Jena, † 31. Januar 2003 in Gehren/Thür.)

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6 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Kommentar: Brüderchen am 31.01.2006, 22:17 Uhr

    Wie schon mal geschrieben, Opa, hab dich lieb..

    Tom hat mir da echt aus der Seele geschrieben. Ich erinnere mich an den Test, ob wir alleine vom Jenaer Saalbahnhof zu euch nach Hause finden. Da war ich ca 6 Jahre alt. Wir haben uns gewundert warum uns keiner abholt und sind dann einfach alleine losgelaufen. (damals ging das noch „gefahrlos“). Opa hat uns von weitem beobachtet ob auch alles funzt. Leider hast du dich durch deinen Laustil mit Mantel verraten und so konnten wir die Hälfte der Strecke dann doch in deiner Begleitung gehen.

    Ich denk oft mal an dich und seh dich dann immer in deinem Krankenbett liegen. Oben im Zimmer in Gehren. Trotz meines Berufes hat mich das extrem mitgenommen. Es ist nun mal was anderes wenns die eigene Familie ist.

    Manchmal rede ich auch mit dir. Hoffe du hörst das dann auch.
    Warst echt n Superkerl.

    Und eins ist klar. Da wo du jetzt bist, liegt das Besteck immer rechtwinklig zur Tischkante… 8)

  2. Kommentar: unbekannter aus RU am 16.02.2006, 14:36 Uhr

    Ich konnte es kaum lesen vor lauter Augenüberschwemmung und auch der Kommentar aus Nürnberg ist zutreffend. Ich danke euch im Namen des „Zeigers“

  3. Kommentar: sdf am 6.03.2006, 15:16 Uhr

    rührend

  4. Pingback: Nachtdienst + Sommer « Gedankenkreisen am 23.06.2006, 17:52 Uhr

    […] Klasse. Naja, hat eben wieder die Schlafqualität gelitten. Das Leben kann so grausam sein! Trackback keine Kommentare    ·    hierschreiben […]

  5. Pingback: Warum ’s auch Spass macht … « Gedankenkreisen am 11.07.2006, 00:40 Uhr

    […] haben einen ganz eigenen Geruch. Kann ich nich beschreiben. Aber er hat gerochen wie mein Opa. Trackback keine Kommentare    ·    hierschreiben […]

  6. Kommentar: Michèle am 11.07.2006, 12:51 Uhr

    Was für eine wunderbare Liebeserklärung an deinen Opa. Schon oft habe ich daran gedacht mich bei meinen Großeltern für alles zu bedanken. Dank ihnen hatte ich eine wunderbare Kindheit. Und habe sie heute noch. Obwohl ich inzwischen 25 bin besuche ich sie noch immer gerne und schwelge mit ihnen in Erinnerungen.

    Noch habe ich die Gelegenheit es ihnen zu sagen was ich empfinde, ich hoffe, ich lasse die Zeit nicht ungenutzt verstreichen.

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