Zeitreise

Rubrik:  Erlebt  ·  Autor:  Zappelfillip25. März 2006, 22:03 Uhr

Es ist der 25. März, Samstag, und ich erlebe eines der schönsten Wochenenden seit Eeeewigkeiten. Warum? Hmm… keine Ahnung! Eigentlich passiert absolut nix spektakuläres und doch fühle ich mich so gut wie schon sehr lange nicht mehr. Naja mag schon daran liegen, dass ich dieses Wochenende ganz anders verbringe als viele Jahre bisher. Nachdem ich ja nun etliche in Erfurt gewohnt habe und zuvor auch in Ilmenau (Studium), bin ich nun erstmals nicht nur sporadisch für ein paar Stunden in meiner eigentlichen Heimatstadt (Rudolstadt), sondern besuche mein Väterchen und meine Vergangenheit über ein ganzes Wochenende. Und momentan ist dies für mich ziemlich aufregend. Einerseits hat sich hier in all der Zeit, in der ich kaum da war, so viel verändert – einiges habe ich mitbekommen, anderes nicht – und doch macht so vieles mein bisheriges Leben aus und an jeder Ecke begegnet mir eine Erinnerung nach der anderen. Hier war ich im Kindergarten, wo ich unbedingt meine Freundin, die Kati, heiraten wollte, wenn ich denn erstmal groß wäre… hier ging ich in die POS „Erich Weinert“ und nicht zuletzt steht hier um die Ecke gleich mein altes Gymnasium. Selbst dieses hat sich enorm verändert in den 11 Jahren, seit ich das Abi gemacht habe. Es war eine sehr geile Zeit damals! Unsere Klasse war super – auch dann im Kurssystem in der 11. und 12. (in Thüringen sind’s nur 12 Jahre bis zum Abitur). Am besten waren die Klassenfahrten mit mehreren Kursen zusammen. Aber das sind alles Geschichten, die Bücher füllen würden…

Ilmenau war schon okay, auch in Erfurt habe ich mich wohlgefühlt und München wird bestimmt auch nochmal besser. Aber jetzt, da ich seit langem mal wieder wirklich bewusst in Rudolstadt bin, wird mir klar, wo wirklich „zuhause“ ist. Es ist super, einfach mal zu seinen Wurzeln, seinen Ursprüngen zurückzukehren, zurückzuschauen und es wirken zu lassen. Tut gut! Ich muss sagen, hier hatte oder mit Rudolstadt verbinde ich einfach die besten, glücklichsten, am wenigsten komplizierten und intensivsten Zeiten meines Lebens: eben jene genannten letzten Abijahre und die folgenden 5 oder 6 Jahre. Scheiße – ich war ziemlich glücklich! Aber wie das so ist: zwangsläufig wird man erwachsen, es treibt einen raus in die „Welt“, Prioritäten verschieben sich und die unbefangenen Zeiten sind irgendwann einfach vorbei. Und das muss ja auch so sein. Aber ab und an sollte ich mal so einen Trip zurück machen. Es euphorisiert…

Als ich 1994 meinen Autoführerschein machte, setzte ich eine seltsam angenehme Angewohnheit aus Zeiten des Mopedfahrens fort. Mein Väterchen nannte sie „Kilometerangleichungsfahrten“. Ich setzte mich abends auf meine Simson S51 und fuhr einfach ziellos umher, vorranging durch die kleinen Straßen der Rudolstädter Altstadt. Das waren die Momente, an denen ich einfach am besten genießen konnte und vor allem „in mich gehen“. Ich konnte herrlich nachdenken, während ich so auf meinem Hobel saß und eine Viertelstunde nach der anderen verging. Naja damals war der Sprit noch billig und das Muli hat ja kaum Benzin verbraucht.
Als ich dann die Autofleppen in der Tasche hatte, konnte ich diese Momente nicht aufgeben. Und so setzte ich mich so manchen Abend in mein „feuerrotes Spielmobil“ (O-Ton Väterchen) – einen Wartburg mit 2-Takt-Motor, der sogar statt Lenkrad- bereits Knüppelschaltung besaß – warf meine kopierte Kassette in den Schacht und hörte mit allem was die Billigboxen hergaben die typische Dance- und Trancemusik der 90er Jahre-Charts. Yesssss – das war meine Zeit! Tja und da nun die „Rolschter“ Innenstadt für mich und mein Auto zu klein wurde, musste ich die Kilometerangleichungsfahrten ausdenen. Nun konnte ich all die kleinen Neben- und Seitenstraßen rund um meine Stadt befahren, für die ich mit der Simson noch Stunden gebraucht hätte. Natürlich wurden da dann die Kosten schon etwas höher, aber irgendwie konnte ich es mir wohl leisten. Und seitdem gibt es für mich kaum etwas schöneres, als nachts über einsame, leere Straßen zu fahren und einfach nur nachzudenken. Keine Ahnung worüber, aber es macht frei! Für mich „leider“, für die Umwelt und meinen Geldbeutel „zum Glück“ kam dies alles irgendwann in Vergessenheit. Lag sicher auch daran, dass ich später Autos besaß, die zwar eine Unmenge Leistung hatten, leider aber auch während des Fahrens einen Strudel im Tank. 15 Liter Verbrauch auf 100 km waren da die Untergrenze. Und damit war an Kilometerangleichungsfahrten überhaupt nicht mehr zu denken. Das Auto wurde wirklich nur noch für’s Nötigste bewegt – ansonsten bebastelt. Aber dazu irgendwann später vielleicht mal mehr.

Als ich gestern dann dank Google Earth erstmals aus der Ferne ein wenig durch meine Heimatstadt spazieren konnte, habe ich mich an die schönen „Alleinsein“-Momente erinnert. Und es gab keinen Zweifel, dass ich das noch einmal tun musste! Ich wollte alles endlich einmal wiedersehen. All die vielen Orte, die jahrelang mein Leben ausgemacht haben. Also heute Nachmittag der ein paar Kilometer weg wohnenden Oma einen Enkelbesuch abgestattet und als ich dann wieder Richtung Rudolstadt fuhr, wurde es bereits dämmrig. Jawoll! Ich holte meinen MP3-Player aus der Jacke, schloss ihn an die Adapterkassette für’s Autoradio an, wählte den Ordner mit den alten Dancefloorhits und meine Zeitreise zurück begann. Ich glaube, ich bin heute Abend jede Straße in und um Rudolstadt abgefahren, dabei laut zu Scooters „Move your ass“ mitgröhlend! Kennt noch jemand „Star Wash“, „Capella“, „Charlie Lownoise & Mental Theo“, „E-Rotic“, „Imperio“ oder „Das Modul“? Egal wie sie hießen, ich fand alle geil! Ich sag‘ ja, meine Zeit – auch wenn da viele sicher drüber lächeln werden. Auch für mich wäre diese Art Musik heute undenkbar – Chipz und Banaroo oder wie die heißen, finde ich erbärmlich. Aber damals war die Mucke einfach genial… für mich…

Und so bin ich heute in so vielen Ecken der Stadt gewesen, die für mich jahrelang mein Leben waren, die ich teilweise mehrmals am Tag, z. B. auf dem Weg zur Freundin gefahren bin und die ich dennoch mindestens die letzten 2 Jahre nicht mehr gesehen habe. Aber was soll ich sagen!? Es war wie früher. Als wären seit meiner schönsten Zeit nicht schon 5 Jahre vergangen. Als wäre ich nie weg gewesen. Mit dieser Musik im Ohr konnte ich mich an allen Ecken der Stadt Dingen erinnern, die ich eigentlich schon lange vergessen glaubte. Wie oft stand ich fluchend an der wiedermal geschlossenen Bahnschranke in Volkstedt!? Wie oft fuhr ich die Schubachrutsche hoch (eine Brücke)!? Wie oft schlängelte ich mich zwischen parkenden Autos durch die relativ enge Zufahrt zum Haus, in dem die Eltern meiner Freundin wohnten!?Bestimmt tausendmal… Ich fuhr bei herrlichster Dunkelheit über die schmalen Landstraßen und durch die kleinen Dörfer, die in der Peripherie Rudolstadts liegen. So einige Schleichwege hab’ ich wiederentdeckt. Und dabei laut »We‘re aliii-iiii-iiiive…« von Paul van Dyk gesungen. Mein Weg führte mich sogar an der Stelle vorbei, wo ich zum ersten und bislang einzigen Mal Sex in einem Auto hatte. Echt schwierig, wenn man so groß wie ich ist. Heute würde mein Rücken da wohl nicht mehr so ohne weiteres mitspielen ;) Aber daran erinnert habe ich mich auch erst, als ich tatsächlich daran vorbeifuhr. Übrigens kam ich auch an der Kiesgrube vorbei.

Die 90er, vor allem die zweite Hälfte, waren wirklich meine Hoch-Zeit. Erwachsen genug für die schönen Dinge des Lebens – und damit meine ich nicht nur Sex – aber immer noch Kind genug, um unbelastet, ein wenig unbedarft und wundervoll naiv durch’s Leben gehen zu können. Rückblickend war es die schönste Zeit meines Lebens… zwar unwiederbringlich vorbei aber genial. Nichts würde ich missen wollen!

Und dann öffnete ich mein Autofenster. Es roch in der ganzen Stadt, als wären an jeder Ecke die Holzkohlegrills angeworfen und die Bratsaison in Thüringen eröffnet. Man nennt es hier „anbraten“ – das erste Grillen des Jahres. Etliche dieser Events habe ich in den letzten 10 Jahren erlebt und so manches Mal war es doch noch schweinekalt. Aber geschmeckt hat sie immer, die erste Bratwurst. Herrlich!
Ich hab ja vor einigen Monaten schon einmal erzählt, dass in meiner Hirnverdrahtung etwas ziemlich seltsam gelaufen ist. Musik und auch besonders Gerüche sind bei mir so stark mit Gefühlen und Emotionen der entsprechenden Zeit verknüpft, dass ich sie schlagartig wieder empfinden kann, wenn ich selbiges höre oder rieche. Und noch intensiver natürlich, wenn Nase und Ohr gleichzeitig „Futter“ bekommen. Meine Zeitmaschine scheint zu funktionieren. Ich bin wieder 10 Jahre jünger. Nur schade, dass ich mich nicht mehr an den Namen des Parfüms erinnere… »I wanna see more happy people…« (Prince Ital Joe feat. Marky Mark)

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2 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Kommentar: jette am 25.03.2006, 22:15 Uhr

    Wir haben nur ein paar Jahre in Rudolstadt gewohnt, aber ich erinnere mich an eine wunderbare Zeit – und eine tolle Wohnung. Und die Kiesgrube, die einfach genau so abenteuerlich war, wie wir sie damals brauchten.

    Hach ja …

  2. Pingback: Der Junkie « Zappelfillip plaudert… am 29.03.2006, 01:07 Uhr

    […] Laut singend und den Kopf im Takt mitwippend, kilometerangleichungsfahre ich da also am Samstag so vor mich hin und lasse die Gegend rund um Rudolstadt durch meine Anwesenheit erzittern. Centiliter um Centiliter rinnt der Kraftstoff aus dem Tank in die bereits rotglühenden Brennräume meines bärenharten 90 PS-Motors. Hell röchelt das Aggregat – nach immer neuer Frischluft schnappend – während ich es von einer Drehorgie in die nächste jage – nur im nächsten Augenblick die Energie des Vorwärtsdranges brutal mit meinen Billigbremsen in nicht minder großer Hitze zu vernichten. Ich halte mich an rote Ampeln! Die Reifen beißen sich mit ihrem kaum noch vorhandenen Winterprofil wie gestutzte Perserkatzenkrallen in den glücklicherweise nicht mehr gefrorenen Boden. Eine Bremswirkung ist kaum noch zu verspüren und trotzdem quietscht es furchteinflößend. ›Allein der Auftritt zählt‹, denke ich mir, während der beißende Geruch verbrannten Gummis meine Nasenschleimhaut verätzt. Hätte ich nicht Benzin im Blut, müsste ich jetzt wohl schwer röchelnd und mit brennenden Augen das Wageninnere in tiefster Gangart verlassen, so dicht ist der Qualm. Aber hey – man lebt nur einmal! Ich schließe die Augen und atme tief ein. Dieser einerseits stechende, gleichzeitig auch drückende Schmerz in der Brust, wenn der schwarze Rauch durchsetzt von verbrannten Gummiteilchen meine Lunge durchflutet, kostet immer wieder auf’s neue Überwindung. Aber jedesmal sage ich mir anschließend: »Die 5 Zigaretten meines Lebens haben genauso geschmerzt, wenn die Kumpels mal wieder wollten, dass ich Lunge rauche.« Und überhaupt… sind wir etwa Mädchen!? Dann wird es dunkel um mich herum… […]

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