Der Junkie und das Biest

Rubrik:  Erlebt  ·  Autor:  Zappelfillip28. März 2006, 23:03 Uhr

Laut singend und den Kopf im Takt mitwippend, kilometerangleichungsfahre ich da also am Samstag so vor mich hin und lasse die Gegend rund um Rudolstadt durch meine Anwesenheit erzittern. Centiliter um Centiliter rinnt der Kraftstoff aus dem Tank in die bereits rotglühenden Brennräume meines bärenharten 90 PS-Motors. Hell röchelt das Aggregat – nach immer neuer Frischluft schnappend – während ich es von einer Drehorgie in die nächste jage – nur im nächsten Augenblick die Energie des Vorwärtsdranges brutal mit meinen Billigbremsen in nicht minder großer Hitze zu vernichten. Ich halte mich an rote Ampeln! Die Reifen beißen sich mit ihrem kaum noch vorhandenen Winterprofil wie gestutzte Perserkatzenkrallen in den glücklicherweise nicht mehr gefrorenen Boden. Eine Bremswirkung ist kaum noch zu verspüren und trotzdem quietscht es furchteinflößend. ›Allein der Auftritt zählt‹, denke ich mir, während der beißende Geruch verbrannten Gummis meine Nasenschleimhaut verätzt. Hätte ich nicht Benzin im Blut, müsste ich jetzt wohl schwer röchelnd und mit brennenden Augen das Wageninnere in tiefster Gangart verlassen, so dicht ist der Qualm. Aber hey – man lebt nur einmal! Ich schließe die Augen und atme tief ein. Dieser einerseits stechende, gleichzeitig auch drückende Schmerz in der Brust, wenn der schwarze Rauch durchsetzt von verbrannten Gummiteilchen meine Lunge durchflutet, kostet immer wieder auf’s neue Überwindung. Aber jedesmal sage ich mir anschließend: »Die 5 Zigaretten meines Lebens haben genauso geschmerzt, wenn die Kumpels mal wieder wollten, dass ich Lunge rauche.« Und überhaupt… sind wir etwa Mädchen!? Dann wird es dunkel um mich herum…

Als ich wieder zu mir komme, ist die Dämmerung außerhalb meines Autos bereits deutlich fortgeschritten, während der Zustand von Benommenheit in meinem Kopf langsam abklingt. Ich muss wohl eine halbe Stunde bewusstlos gewesen sein. Tocktocktock, es hämmert in meinem Schädel wie 100 kleine 4-Zylinder-Motoren im Gleichlauf. ›Wow – die alle in meinem Wagen und ich bin der Schnittenreißer‹, denke ich noch und krame im Handschuhfach nach meinem Kautschometer. Dabei handelt es sich um ein von mir entwickeltes Gerät, mit dem man den Gummi- bzw. Kautschukgehalt des Blutes messen kann. Dieser ist nach einer solchen Inhalation erfahrungsgemäß bis zu 1000fach erhöht im Vergleich zum Grenzwert und kann eigentlich nur noch durch intravenöse Gabe von künstlichen Gummiderivaten übertroffen werden. Es hat doch Vorteile, wenn man einen Medizintechniker kennt. So weiß ich immer genau, wann meine Optimaldosis erreicht ist und umgehe das Risiko der Aushärtung prekortaler Hirnareale, in denen sich Reifenabrieb neuesten Studien zufolge bevorzugt ablagert.

Mit leicht zittrigen Fingern entferne ich die Schutzhülse der Hohlnadel. Das Kautschometer funktioniert ähnlich einem Bluttestgerät, wie es Diabetiker zur Ermittlung ihres Blutzuckerspiegels benötigen. Genau genommen ist es sogar optisch kaum von diesen zu unterscheiden. So vermeide ich, bei Polizeikontrollen sofort als Gummijunkie überführt zu werden. Man spart sich schon eine Menge Ärger. Es ist zwar nicht illegal, aber trotzdem gelten wir „Reifenfresser“ immer noch als Exoten und entsprechend abweisend tritt man uns für gewöhnlich gegenüber. Viel zu lachen haben wir nicht…

Ich ziehe mein T-Shirt aus der Hose, um die kaum vorhandene Bauchfalte „anzapfen“ zu können. Auch bei meiner Unterbekleidung handelt es sich übrigens nicht um gewöhnliche Wäsche. Vielmehr trage ich eine Sonderedition der Firma „Goodstone“, einem ehemaligen Reifenhersteller, der recht früh erkannte, dass mit gummierter Unterwäsche deutlich mehr Geld zu verdienen ist als mit Autoreifen. Dabei ist diese Gummiwäsche nicht zu verwechseln mit Fetischklamotten, wie sie vielleicht in dunklen Hinterhofkaschemmen getragen wird. Unsere Bekleidung ist von der „normaler“ Bürger nicht zu unterscheiden – es sei denn man dreht sie auf links. Dann erkennt man nämlich schnell ihre Besonderheit: Innen ist sie hauchdünn mit schnell durch die Haut aufnehmbarem Kunstkautschuk überzogen. So bleibt sie geschmeidig und dennoch unterschreitet man nicht seinen Gummipegel, um jederzeit göttlich Auto fahren zu können.

Ein junger WalkerMit Daumen und Zeigefinger der linken Hand versuche ich, eine Falte aus meiner Bauchdecke ein wenig anzuheben, während gleichzeitig die andere Hand das Kautschometer ansetzt. Gerade will ich den Zapfvorgang aktivieren, als mein Blick nach vorn über die Motorhaube hin zur gegenüberliegenden Straßenseite schweift. Und was ich sehe, lässt mir für einen Moment den Atem stocken. Das Kautschometer fällt zu Boden, mit beiden Händen umkrampfe ich das Lenkrad und ziehe mich nach vorn. Ich muss es genauer sehen. Träume ich? Mir gegenüber, vielleicht 50 Meter entfernt, steht ein junger Walker. Bislang kannte ich diese Art Kampfroboter nur ausgewachsen und furchteinflößend aus diversen „Krieg der Sterne“-Filmen. Dieser sieht dem zwar ähnlich, deutliche Unterschiede sind dennoch zu erkennen. Besonders das noch stark ausgeprägte Kindchenschema sticht hervor. Die kurzen Beine und der unförmig dicklich wirkende Körper sind wohl noch die auffälligsten Merkmal. Auch hat er noch eine ganz andere Färbung als alles was ich kenne. Ohne Zweifel: Es muss ein Jungmech sein! »Wuhaaaaa! Unfassbar!«, entfährt es mir. Zum Glück scheint er mich noch nicht gesehen zu haben, denn bislang macht er keine Anstalten irgendeiner Reaktion. Er mag zwar noch klein sein – mein Auto und ich würden aber wohl trotzdem den Kürzeren ziehen, sollte er mit uns spielen wollen. ›Wo der wohl herkommt?‹, frage ich mich. Vielleicht hat ihn die imperiale Schutzbimbelmannsgardentruppe vergessen, vielleicht hat er sich aus Übermut aber auch einfach nur zu weit von seinem Muttermech entfernt und hat nun den Anschluss verloren. Ob er verletzt ist? Oder etwa tot? Schließlich hat er sich in den letzten 2 Minuten, seit ich ihn entdeckt habe, nicht einen Millimeter bewegt. Komisch! Möglicherweise hat ihn ein böser anderer Autofahrer auch durch lautes Hupen erschreckt und er hat sich deshalb so komisch kackbraun verfärbt… oder er hat sich tatächlich in die nicht vorhandene Hose gemacht… Och neee… Das will ich gar nicht wissen! Da ist mir der Gummigeruch doch tausendmal lieber. Metall-AA kann nicht gut riechen!

›Hat der sich jetzt etwa bewegt?‹ In einem Anflug leichter Panik, schnellt meine rechte Hand zum Zündschlüssel und ich starte meinen Wagen. Ich glaube, so schnell habe ich noch nie den ersten Gang eingelegt, das Gas voll durchgetreten und mit quietschenden Reifen einen Abgang gemacht. Schade dass ich den schönen Gummigeruch so ungenutzt hinter mir lassen muss. Aber der nächste Schuss Schnief kommt bestimmt. Während ich so panisch davonbrause, übersehe ich leider ein Schild:

„Industriedenkmal Gasmaschinenzentrale Maxhütte Unterwellenborn“

Ich sollte wohl doch weniger inhalieren, mehr husten und Baumwollunterwäsche tragen…

PS: sieht man übrigens auch aus dem All!

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2 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Kommentar: flash am 29.03.2006, 01:43 Uhr

    Ist das jetzt das offizielle Bewerbungsschreiben für die Aktion Junkie-Blog?
    Nimm dir den Button (pass ihn gegenebenfalls Farblich an) und packe ihn auf deinen Blog ;-)

  2. Kommentar: Neri am 29.03.2006, 12:37 Uhr

    Meisterlich! Ganz großes Blogging hier mal wieder!

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