Abschreiber

Rubrik:  Erlebt  ·  Autor:  Zappelfillip12. Mai 2006, 00:05 Uhr

Bimbelhuber hieß er – Johannes Bimbelhuber (Name von der Redaktion geändert). An den Vornamen konnte ich mich jetzt allerdings nur noch mit Mühe erinnern, denn eigentlich sprachen alle mit und über ihn nur als Bimbelhuber. Der Vorname kam selten über unsere Lippen. Bimbelhuber war der mit Abstand unbeliebteste Typ in unserer Klasse bzw. unserem Kurs. Ich hatte ihn bereits seit der 9. Klasse, seit ich auf das örtliche Gymnasium kam, auf dem Hals und daran änderte sich auch nichts, als wir alle in der 11. Klasse frisch durch Einführung des Kurssystems durcheinander gewürfelt wurden. Bimbelhuber war – oder vielleicht ist – ein relativ großer, hagerer Kerl mit einem ziemlich großen Kopf. In meiner Erinnerung kommt dieser mir viel breiter vor als die darunterliegenden Schultern. Er sah also im Grunde genommen ein wenig aus wie ich ;) – nur ich war noch größer.

Im Gegensatz zu ihm hatte ich aber das Glück, ziemlich anerkannt gewesen zu sein. Ich war irgendwie so ein Mittelding. Zwar nicht cool und lässig genug, um zu den wirklichen (oder vermeintlichen) Checkern zu gehören, zu den Mädchentypen, den „Führern“, aber dennoch von ihnen respektiert und auch so behandelt. Auf der anderen Seite gehörte ich aber auch nicht zu den Nerds, den pickeligen, vielleicht etwas unbeliebten kellerbleichen Jungs, die nur flüsternd in dunklen Ecken des Schulgebäudes standen, vollkommen unauffällig, und die mit der „Führerfraktion“ so überhaupt nix zu tun hatten. Und trotzdem hatte ich auch mit diesem Teil der Schülerschaft viel Kontakt und es wurden auch immer freundliche Worte gewechselt. Ich war also das absolute Mittelfeld – ein Durchschnittstyp eben, keinesfalls bei den Mädels begehrt aber dennoch genausowenig gemieden. So normal eben!

Bimbelhuber war ein ganz anderer Typ – er passte in keine dieser Fraktionen. Irgendwie vollkommen asexuell, wenn man in dem Alter davon reden kann. Er wurde eigentlich von allen gemieden – nicht einmal die Nerds wollten großartig etwas mit ihm zu tun haben. Das hatte aber keineswegs seinen Grund in der grundsätzlichen Boshaftigkeit der anderen, sondern Bimbelhuber war ein ganz komischer Kauz. Man kam einfach nicht mit ihm zurecht. Er hatte immer eine große Klappe, ein Pseudoangeber, ein Geschichtenerzähler. Grundunsympathisch würde ich heute sagen – es lag irgendwie etwas Böses in seiner Art. Klingt komisch – is aber so!

Und so war Bimbelhuber eigentlich nur zu einem halbwegs zu gebrauchen: zum Abschreiben der nicht gemachten Hausaufgaben. Er war nämlich zusätzlich noch ein unfassbarer Streber. Sein Vater war oder ist wohl auch ein in Deutschland halbwegs bekannter Schriftsteller – zumindest aber mal in unserer Heimat. Und darauf bildete der Sohnemann sich einerseits immer furchtbar was ein und andererseits wurde er von eben seinem Vater wohl auch immer angestachelt und gestriezt, ein Streber zu sein. War alles irgendwie komisch halt… Naja – so wusste man aber wenigstens zu jeder Zeit, dass mindestens einer im Kurs die Hausaufgaben gemacht hatte, falls man sie doch mal „vergaß“. Wenn dies absichtlich der Fall war (also das Vergessen), fühlte man sich schon frühmorgens ganz elend und hatte feuchte Hände vor Angst/Aufregung. War es doch ausversehen, so setzte dieser Zustand erst mit der Kenntnis des Vergessens ein. Das war dann meist direkt in der Pause vor der betreffenden Stunde oder bestenfalls noch ein paar Pausen früher. Und dann hieß es improvisieren. In unserem Fall bedeutete dies, den fleißigen Bimbelhuber mit einer Mischung aus Honig-um-den-Mund-Schmierung und sanfter Gewalt (nein nicht körperlicher) binnen kürzester Zeit zur Herausgabe der Hausaufgaben zu bewegen, denn eigentlich war er ein Nicht-abschreiben-Lasser. Naja er mochte uns nicht, und wir ihn nicht. ;) Viel Zeit blieb dann in den kurzen Pausen nicht mehr, um alles schön abzukupfern. Geschafft haben wir es dennoch meistens. Irgendwann hatten wir den Dreh raus, wie wir ihn zu nehmen hatten.

AbschreiberHeutzutage könnte das glatt ein wenig einfacher sein. Als ich heute Morgen (ich bin ausnahmsweise mal etwas später zur Arbeit) auf dem Weg zu meinem Auto an einer Schule und dem angrenzenden Sportplatz vorbeikam (übrigens diese Straße, rechts im Bild der Sportplatz), konnte ich ein kleines Kerlchen am Rande des Spielfeldes beobachten, wie er in aller Seelenruhe bei sonnigster Sonne im leichten Schatten der Bäume hockte und ganz gemütlich ziemlich offensichtlich Hausaufgaben aus dem Heft eines anderen abkupferte. Dazu hatte er sich auch richtig schön breit gemacht und war fleißig am Schreiben. In wirklicher Eile schien er zumindest nicht zu sein. So gemütlich und angenehm hatten wir das damals nicht, musste ich mich gleich erinnern. Es war also nicht alles früher viel besser! ;)

Nachtrag

Aus aktuellem Interesse habe ich gerade mal ein wenig gegooglet und fand heraus, dass unser Johannes heute Dipl.-Phys. Ph.D. Student ist. Zumindest in der Hinsicht scheint er es geschafft zu haben. Ob er aber beliebter ist, sei mal dahingestellt…

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