Zwei alteingesessene Kollegen, zwei unserer Praktikanten und ich sitzen beim Mittagsmahl. Das Gesprächsthema kommt irgendwie auf den Stoiberschen „Problembär“ und von da aus gelangen wir weiter zu Wildschweinen, Waschbären und Füchsen in Großstädten. Den einen hat man die Leitsau weggeschossen, weshalb sie nun als marodierende, tierische Jugendbanden durch die Städte ziehen, Mülltonnen plündern und Kinderspielplätze umgraben. Den anderen hat die Tollwut einerseits schaumige Maulwinkel beschert und andererseits die Birne so weich gemacht, dass sie uns Menschen nun hinterhertrotten.
„In Großstädten kommen zwei Ratten auf einen Bewohner“, wirft Praktikant M. zum weiteren Vorantreiben des Gesprächs ein. Leicht angewidert denken wir anderen 4 über diesen Satz nach. Ich überlege, was meine beiden wohl gerade so treiben. Ob die wohl in der Kanalisation auch gerade Mittag machen? Vielleicht reden die auch gerade über uns: „In Großstädten kommt auf einen Bewohner ein halber Mensch…“ Ekel in der Rattenrunde…
Unseren Moment der Stille und Nachdenklichkeit unterbricht Kollege T. mit folgender rhetorischer Frage an Kollegen B.:
„Weißt Du noch… unser Betriebsausflug in die Kanalisation?“
Tatsächlich! Meine Firma hat wirklich mal (lange vor meiner Zeit) einen Ausflug mit Führung in die Münchner Unterwelt veranstaltet… so richtig mit Gummistiefeln, gelbem Regencape und Grubenlampe auf‘m Kopf. Nicht wirklich alltäglich aber sicherlich interessant. Gut – solange der typische feuchtfröhliche Ausklang einer solchen Betriebsfahrt nicht auch da unten stattfindet… womöglich mit Badeeinlage in alkoholisiertem Zustand…
Nun bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Betriebsausflug der hiesigen Rattenpopulation zum Ausgleich nicht in unsere Firma führt
Keine Frage, der Kerl hat’s ja wohl sowas von drauf. Ganz großes Kino! Und ich Pfeife muss beim Einkaufen immer auf volle Euro aufrunden, um im Kopf halbwegs den Überblick behalten zu können, wieviel die nette Dame an der Kasse von mir haben will. Naja aber dafür ist der Kamerad bestimmt Sklave seiner Sinne. Is‘ den ganzen Tag nur am Rechnen. Nicht nur den Wert des Einkaufes, sondern bei Erreichen des Kassenbereichs hatter wahrscheinlich sofort das Körpervolumen der Kassierin berechnet und die Wurzel aus der Körbchengröße gezogen, um daraus anschließend mittels komplizierter Winkelfunktionen den Attraktivitätsindex zu ermitteln. Leider verhält sich seine Chance auf ein Lächeln aber wohl eher umgekehrt proportional dazu.
Das ginge bei mir irgendwie schneller… oder anders… Zum Beispiel so: Wenn ich zur Kasse komme, natürlich ohne Wagen – ich hab ja nie‘n Euro – bin ich kaum noch in der Lage, den ganzen Kram zu halten. In der rechten Hand eine Packung Milch, den linken Arm angewinkelt und überlastet mit vielerlei Kleinkram: Dosen-Mandarinen, Stück Butter, 2 Schokostrudel, eine große französische Salami, ’ne Packung Wiener, guten Born-Ketchup und Tampons… äääh Tempos. In der Hand noch ’ne Fanta, sodass der Arm vor Schwere kurz vorm Abfaulen ist. Während ich Richtung Kasse eile – langsam kann ich schon nicht mehr machen, denn der Kram wird immer schwerer – zieht mich einerseits das Gewicht immer weiter in einen gebückten Gang, andererseits rutscht das Zeug immer mehr aus seiner ursprünglich stabilen Lage. Ab diesem Zeitpunkt kostet es meine volle Konzentration, alles halbwegs auf der „Armablage“ zu halten und sicher zur Kasse zu gelangen. Kaum erreicht, fällt mir siedendheiß ein, dass ich ja noch Zahnpasta wollte und die neue „Gala“ hab’ ich auch vergessen. ›Och neeee – verdammisch nochema‘!‹, verfluche ich mich mit wilden Wutgedanken selbst. Aber nun isses zu spät, der Kram schon auf dem Band und nochmal tue ich mir den Balanceakt nicht an.
Während ich weiterhin hochkonzentriert nach meinem Portemonnaie fische, merke ich, den überschlagenen Preis für den Einkauf vergessen zu haben. Mist! Das ist aber heute wieder nicht mein Tag! Also nochma’ von vorn. In einer Schlange hat man ja Zeit… ›3 plus 2 plus 2 plus 1 plus 2…‹, zählt mein gemartetes Hirn im Schneckentempo. Ich komme auf irgendwas um die 11 Euro… rund… Noch immer vollkommen vertieft in meine Kopfrechnerei, dringt eine weibliche Stimme an mein Ohr:
»siehmdrei‘nsechzich bidde«
»Hä? Wer? Ich?«
Ui da hab ich doch glatt verpasst, dass all meine Artikel bereits über den Scanner gezogen wurden. Ein wenig verstört über den in meinen Augen zu niedrigen Preis krame ich im Münzfach herum und suche das Geld passend heraus.
Die nächste Aufgabe ist ein erneuter Kraftakt, denn schließlich will mein neu erworbenes Gut auch noch sicher nach Hause gebracht werden. Noch immer über den Preis grübelnd verlasse ich „meinen“ HL-Markt – ohne zu merken, dass… dass ich die französische Baguettesalami liegengelassen habe, der Puddingdeckel ein Loch hat, die Wiener schon abgelaufen und die vermeintlichen Taschentücher doch Tampons sind. Na Klasse! Das Leben ist hart! Zu allem Überfluss hatte ich nichtmal Augen für die unheimlich süße neue Kassiererin, nebenjobbende Studentin. Witzig, intelligent, große… äääh leuchtende Augen und ein umwerfendes Lächeln. Der Zettel mit ihrer Handynummer liegt immernoch unter meiner Baguettesalami an der Kasse – da wo sie ihn heimlich hingeschoben und ich ihn liegengelassen habe. Hab’s noch nichtmal mitbekommen… Das Leben ist eines der härtesten – besonders meins!
Hinweis an mich: vor nächsten Einkauf Wagenchip besorgen und Taschenrechner mitnehmen. Nicht dass diese düstere Geschichte noch wahr wird.
Wir haben in unserer Firma eine kleine Kantine. Also zumindest die Räumlichkeiten – gekocht wird bei uns nicht. Es gibt zwar auf Kosten des Unternehmens jeden Morgen allerlei Brötchen und Brezeln und auch alle Getränke sind bei uns kostenlos, aber das Mittag kommt von außerhalb. Dazu haben wir morgens bis dreiviertel 11 per Intranet die Möglichkeit, aus einer recht großen Anzahl Essen zu bestellen, um dieses dann zur Mittagszeit in einer Aluminiumasiette in Empfang zu nehmen. Dazu sind von unserer Cateringfirma immer zwei nette Damen vor Ort, die die Essen in großen Öfen aufwärmen und ausgeben.
Die Essenauswahl ist ziemlich bunt und auch wenn es sich mit der Zeit wiederholt, so findet man doch immer was leckeres, denn es steht immer viel zur Auswahl. Ich schätze so ca. 30 verschiedene Essen jeden Tag. Als ich heute Morgen bestellen wollte, das ist immer meine erste Amtshandlung wenn ich komme (schließlich ist Punkt 10:45 Uhr Sense), wurde ich auch hier vom Fußball- bzw. WM-Wahn eingeholt. Unsere Essen haben zum großen Teil fußballaffine Namen erhalten. So gibt es nun unter anderem
Schiri-Spieß „gelb/rot“ (mit Senf und Ketchup)
Stürmer-Snack
Torjäger-Menü
Champion-Steak (Achtung Wortwitz! Mit Champignons )
Arena-Schnitzel „LaOla“
Grillplatte „Olè Olè
Übrigens sind das alles keine neuen Essen. Also die gab’s schon öfter mal. Sie wurden nur halt ereignistechnisch im Namen angepasst Ich mache heute die Welle und esse besagtes Arena-Schnitzel (Schweineschnitzel natur mit Gorgonzolasoße, Blattspinat und Tomaten, Makronelli-Nudeln, garniert mit Gouda). Mahlzeit!
Alles drohen, schimpfen und ins-Gewissen-reden hat nicht geholfen. Hat doch wieder 20 Tage gedauert, bis ich sie dann doch endlich gekauft habe. Aber auch nur, weil ich auf Arbeit mal so zeitig wegkam, dass der Ticketverkauf im U-Bahnhof Marienplatz noch geöffnet war. Glücklicherweise war’s ja auch noch nicht zu spät – nix ausverkauft oder so. Aber ich muss unbedingt an der mentalen Kopplung zwischen Willen und Ausführung, zwischen Wollen und Tun arbeiten! Mann, mann, mann… Kommt noch jemand mit am 29.? Nich’ ganz billig aber lohnt sich… wenn einem die Musik gefällt… logisch!