Überraschender Besuch

Rubrik:  Erlebt  ·  Autor:  Zappelfillip13. Dezember 2007, 23:12 Uhr

Wie wahrscheinlich die meisten hier, so war auch ich alles andere als ein schwieriges Kind – so hoffe ich jedenfalls – und bin nicht ohne Grund heute der Traum aller Schwiegermütter 😉 Nichtsdestotrotz hat sicher jeder von uns Dinge in seiner Jugend getan, die beim Zurückdenken einen unangenehmen Geschmack auf der Zunge hinterlassen, auf die man vielleicht nicht sonderlich stolz ist (wer frei von jeder Sünde ist, der werfe an dieser Stelle den ersten… Wattebausch). Eine mir heute sehr peinliche Geschichte möchte ich hier nun zum Besten geben. Sie passt auch recht gut in die Vorweihnachtszeit… zumindest wenn sie einen anderen Ausgang gehabt hätte. Denn ich habe die klassischste aller Märchenprüfungen mit Bravour vergeigt. Ihr werdet später verstehen, was ich meine.

Wer hier schon ein bissl länger mitliest (damit meine ich die Zeit vor meiner künstlerischen Pause im letzten halben Jahr), dem ist vermutlich bekannt, dass ich in der DDR geboren und auch geschlechtsreif wurde. Mit anderen Worten: ich war etwa 14 als die Wende kam (an meinem 14. Geburtstag war die Währungsunion). Diesen beiden Tatsachen (noch Kind gewesen und in einem Staat (fast) ohne Armut und Arbeitslosigkeit aufgewachsen zu sein) ist es geschuldet, dass ich Obdachlose und Bettler nur aus Erzählungen, dem Fernsehen oder sonstwoher kannte – nur nicht aus meiner realen Wahrnehmung in einer Kleinstadt.

Es muss relativ kurz nach der Wende an einem Spätherbst- oder Wintersonntag gewesen sein. Wir bewohnten zu dieser Zeit das Erdgeschoss unseres 3-Familien-Hauses in einer ruhigen Rudolstädter Straße, die 2 Wohnungen über uns standen schon länger leer. Sonntags war bzw. ist in dieser Wohngegend absolut der Hund begraben. Erst recht, wenn es draußen kalt war, sah man nur wenige Menschen vorbeihuschen. Und wenn doch, dann bemühte sich jeder, noch etwas schneller weiterzukommen. Im Grundstück gegenüber lief nämlich ein ziemlich aggressiver Hund frei auf dem Hof herum, der jeden Passanten mit lautem Kläffen, Zähnefletschen und ständigen Sprüngen gegen den gefühlmäßig viel zu niedrigen und brüchigen Zaun zu noch mehr Eile antrieb. Insofern enthält eben benutzte Floskel mit dem begrabenen Hund schon eine gehörige Spur Ironie. Nicht wenige Nachbarn hätten sie sicher lieber früher als später im tatsächlichen statt sinnbildlichen Sinne gehört.

An diesem Sonntagnachmittag war ich allein zuhause, als es an der Haustür klingelte. Meine beiden Geschwister und die Eltern waren ausgeflogen. Ohne jegliche Ahnung und auch ohne mir irgendwelche Gedanken darüber zu machen, wer es sein könnte, öffnete ich – einen Türspion zum gucken gab es nicht. Umso mehr erschrocken war ich dann, als vor der Tür ein älterer Mann in ziemlich alten, zum Teil kaputten und dreckigen Klamotten stand. Ich schätze ihn auf Mitte 40 bis 50. An seinen langen Mantel erinnere ich mich noch. Die verfilzten Haare hatten schon längere Zeit kein Wasser mehr gesehen und glänzten bereits fettig. Auch wenn ich heute natürlich nicht mehr jede Einzelheit im Kopf habe, so bilde ich mir doch ein, mich noch an sein Gesicht erinnern zu können. Es sah schon ziemlich alt aus… eingefallen. Die ungesunde Hautfarbe brachten wohl auch seine Lebensumstände so mit sich. Außerdem er war bereits weit davon entfernt, noch zwei komplette Zahnreihen zu besitzen. Überall klafften Lücken im Kiefer und offensichtlich gab es für ihn wichtigere Dinge als Zahnpflege.  

Zu unserer Haustür, die gleichzeitig auch die Wohnungstür war (die beiden anderen Wohnungen hatten ihren Eingang über den Hof) führen 6 oder 7 Stufen von der Straße. Er stand auf der vierten und damit ein ganzes Stück tiefer als ich, während ich durch die halb geöffnete Tür auf ihn herunterschaute. Er hob den Kopf.

„Guten Tag!“, grüßte er überaus freundlich und fragte: „Sind denn Deine Eltern zuhause?“

Tja, ich war noch nie sonderlich clever, wenn es um eine schnelle Antwort bzw. Schlagfertigkeit geht und so antwortete ich ihm wahrheitsgemäß, dass ich alleine sei. Ohne zu bedenken, dass ich ein Kind und er ein, wenn auch hagerer so doch stattlicher Mann dreimal so alt wie ich war. Mühelos hätte er mich blitzschnell durch die Tür zurück in die Wohnung drängen, sie verschließen können und mit großer Wahrscheinlichkeit hätte es niemand bemerkt. Dummerweise ist unser Hauseingang nämlich von den Nachbarhäusern so gut wie nicht einzusehen – lediglich vom Besitzer des aggressiven Hundes, aber der…

Teil 2 hier, sonst wird das zu lang…

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