Überraschender Besuch (Fortsetzung)

Rubrik:  Erlebt  ·  Autor:  Zappelfillip17. Dezember 2007, 00:12 Uhr

Dies ist eine Fortsetzung. Bitte unbedingt vorher den ersten Teil lesen.

Doch nichts dergleichen geschah. Der Mann bewegte sich nicht einen Zentimeter in Richtung der Haustür. Überhaupt stand er sehr ruhig da auf einer der unteren Stufen und hielt mit beiden Händen einen alten, fleckigen Leinenbeutel vor dem Körper. Seine Nervosität hätte ich wohl mit etwas mehr Erfahrung daran erkennen können, dass er mit den Fingern unablässig an den Trageschlaufen herumnestelte.
Es dauerte zwar nur Sekundenbruchteile bis er wieder die Stimme erhob, aber allein in dieser kurzen Zeit ratterte es in meinem Kopf wie verrückt. Ich hatte keinerlei Vorstellung, was er wollte – warum er an meiner Wohnungstür klingelte. Mein Gehirn arbeitete allerlei Möglichkeiten ab: Vielleicht war es ja kein Obdachloser, sondern einfach nur jemand, der um die Ecke einen Unfall hatte, nun Hilfe brauchte und nur telefonieren wolle. Oder er suchte eine Adresse und wollte nach dem Weg fragen. Aber unter gar keinen Umständen konnte ich mir vorstellen, dass er tatsächlich etwas von mir wollte…

Dann geschah etwas, womit ich zu dieser Zeit nie gerechnet hätte. Ich muss es noch einmal betonen: Zwar hatte ich in meinem Leben bis dahin (ich war wie gesagt vielleicht 14-15 Jahre) sicher schon einmal einen Bettler gesehen, aber bestenfalls aus großer Distanz und bestimmt nicht in meiner kleinen Heimatstadt. Als Kind der DDR gehörte es überhaupt nicht zu meinem Alltag.

„Hast Du vielleicht etwas zu Essen für mich?“

lautete seine Frage nachdem er nun wusste, dass ich der alleinig Anwesende war. Was dann folgte ist etwas, für das ich mich bis heute zutiefst schäme und woran ich mich immer spätestens Weihnachten erinnere. Und jedes Mal bekomme ich ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend. Ich verneinte! Es wäre nichts mehr da, ich könnte ihm nichts geben, sagte ich. Und das war eine Lüge. In einer 5-köpfigen Familie geht nie das Essen aus.

„Nicht vielleicht ein Stückchen Brot?“ Das würde ihm schon genügen, meinte er.

Ich verneinte wieder – nix mehr da. „Meine Eltern sind gerade einkaufen…“

„An einem Sonntag!?“, war sein Einwurf. Ich kann heute nicht mehr rational nachvollziehen, was da abgelaufen ist. Von der Situation war ich vollkommen überfordert. Ein fremder, heruntergekommener Mann, vor dem ich wahrscheinlich auch Angst hatte, steht vor meiner Tür und bettelt nach Essen. Als Kind lernst du immer ‚Nimm nichts von fremden Leuten‘, aber gilt das auch anders herum? Gib nichts fremden Menschen!? Irgendwie war ich in einer Art Trance, wirklich nachdenken konnte ich nicht mehr und es war nur mehr eine instinktive Reaktion. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, es könnte was passieren, wenn ich jetzt reingehe und ihm etwas Brot bringe. Auf die Idee, dass ich ja nur die Tür zuzumachen brauchte, während ich in der Küche bin, und er dann logischerweise nicht einfach in die Wohnung könnte… auf diese Idee kam ich gar nicht. Reflexartig und ohne wirklich nachzudenken hatte ich auf seine Frage nach etwas zu Essen „Nein“ gesagt und mich danach nicht mehr getraut, von dieser Lüge zurückzutreten. Logischerweise konnte man Anfang der 90er Jahre sonntags noch nicht einkaufen und ich wusste auch, dass er mich mit seinem berechtigten Einwurf „An einem Sonntag!?“ entlarvt hatte. Aber aus meiner „kindlichen“ Sicht war es zu spät. Ich war total aufgewühlt, konnte ihm darauf nicht mehr antworten…

Dann lächelte er, verabschiedete sich, drehte sich um und ging. Ich schloss die Tür und fühlte mich furchtbar. Er hatte mich beim Lügen ertappt, ich hatte ihm nichts zu Essen gegeben obwohl (wahrscheinlich) etwas da war und er lächelte mich trotzdem an. Die restliche Zeit des Tages konnte ich an nichts anderes mehr denken, als an diesen armen Mann, der draußen in der Kälte fror und Hunger hatte, während ich in der warmen Badewanne saß. Nein er hatte nicht nach Geld gefragt, um sich Alkohol zu kaufen. Er wollte einfach nur etwas in den Magen. Er hatte Hunger! Und ich hatte ihn (für mich) kaltherzig mit leeren Händen weggeschickt.
Immer wieder spielte sich diese, eigentlich sehr kurze Szene – wahrscheinlich nicht einmal eine Minute – vor meinem inneren Auge ab. Dann malte ich mir auch aus, dass ich ihm das Renftchen (so sagt man bei uns zu dem Anfangs- bzw. Endstück eines Brotes) schön dick abschneiden und geben würde. Aber ich hatte es nicht getan…

Sicherlich klingt es reichlich bescheuert, aber für einen kleinen Moment hatte ich auch Gedanken, dass das ja eine typische Prüfung in Märchen ist. Die gute Fee (oder von mir aus auch der gute König) verkleidet sich als Bettler und bittet Gold- bzw. Pechmarie nach etwas zu Essen, um ihr gutes Herz zu testen. Von nun an würde ich wohl die Pechmarie sein…

Diese ganze Szene kriege ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Und es ist mir ein Graus, Menschen – womöglich Kinder – hungern zu sehen. Ich bin nur froh, dass es keine Prüfung aus dem Märchen war und ich seitdem nicht nur Pech hatte. Das ganze tut mir unendlich leid. Heute würde ich alles anders machen, aber das geht nunmal leider nicht mehr. Hoffentlich musste er damals nicht allzu lange herumziehen und schon der nächste Versuch brachte ihm etwas zu Essen ein. Vielleicht ja sogar beim Nachbarn von Gegenüber mit dem Hund…

Diesen Artikel bookmarken:

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Digg
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Furl
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Webnews
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Spurl
  • Bloglines
  • Google Bookmarks

3 Kommentare    ·    hier schreiben
  1. Pingback:
    Fatal error: Call to undefined function comment_subscription_status() in /www/htdocs/w00c005e/zappelfillip_de/wordpress/wp-content/themes/zappelfillip/comments.php on line 53