Dies ist eine Fortsetzung. Bitte unbedingt vorher den ersten Teil lesen.
Doch nichts dergleichen geschah. Der Mann bewegte sich nicht einen Zentimeter in Richtung der Haustür. Überhaupt stand er sehr ruhig da auf einer der unteren Stufen und hielt mit beiden Händen einen alten, fleckigen Leinenbeutel vor dem Körper. Seine Nervosität hätte ich wohl mit etwas mehr Erfahrung daran erkennen können, dass er mit den Fingern unablässig an den Trageschlaufen herumnestelte.
Es dauerte zwar nur Sekundenbruchteile bis er wieder die Stimme erhob, aber allein in dieser kurzen Zeit ratterte es in meinem Kopf wie verrückt. Ich hatte keinerlei Vorstellung, was er wollte – warum er an meiner Wohnungstür klingelte. Mein Gehirn arbeitete allerlei Möglichkeiten ab: Vielleicht war es ja kein Obdachloser, sondern einfach nur jemand, der um die Ecke einen Unfall hatte, nun Hilfe brauchte und nur telefonieren wolle. Oder er suchte eine Adresse und wollte nach dem Weg fragen. Aber unter gar keinen Umständen konnte ich mir vorstellen, dass er tatsächlich etwas von mir wollte…
Dann geschah etwas, womit ich zu dieser Zeit nie gerechnet hätte. Ich muss es noch einmal betonen: Zwar hatte ich in meinem Leben bis dahin (ich war wie gesagt vielleicht 14-15 Jahre) sicher schon einmal einen Bettler gesehen, aber bestenfalls aus großer Distanz und bestimmt nicht in meiner kleinen Heimatstadt. Als Kind der DDR gehörte es überhaupt nicht zu meinem Alltag.
„Hast Du vielleicht etwas zu Essen für mich?“
lautete seine Frage nachdem er nun wusste, dass ich der alleinig Anwesende war. Was dann folgte ist etwas, für das ich mich bis heute zutiefst schäme und woran ich mich immer spätestens Weihnachten erinnere. Und jedes Mal bekomme ich ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend. Ich verneinte! Es wäre nichts mehr da, ich könnte ihm nichts geben, sagte ich. Und das war eine Lüge. In einer 5-köpfigen Familie geht nie das Essen aus.
„Nicht vielleicht ein Stückchen Brot?“ Das würde ihm schon genügen, meinte er.
Ich verneinte wieder – nix mehr da. „Meine Eltern sind gerade einkaufen…“
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